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...Die Freiheit beginnt im Sommer...
0 Jahre, 5 Monate, 23 Tage.

Radtour durch Schweden

Radtour durch Schweden - ein Reisebericht
[Herzlichen Dank an Karl-Heinz, der mir mit Rat und Tat zur Seite stand]

 

Sicherlich kennen Sie das Gefühl, schon seit vielen Jahren einen Herzenswunsch, die Sehnsucht nach einem großen Abenteuer im Herzen zu tragen. Für jeden anders. Die einen sehnen sich nach Afrika (gell, Karl-Heinz), andere träumen vom Süden (so meine Frau) und wieder andere von Kanada und Alaska (so ich.......)
Träume erfüllen sich selten. Meinen Traum von Alaska und Kanada habe ich nie in die Realität umgesetzt. Hierzu fehlten mir die Mittel, die Zeit und die Gelegenheit.

Vor ein paar Jahren jedoch, da haben mein Schulfreund Rolf und ich uns eine Reise durch Schweden gegönnt. Quasi Kanada für Arme (*grins*)

Es war ein unvergessliches Abenteuer, eine elementare Lebenserfahrung und ein wunderbarer Urlaub. Wie es zu der Reise kam, wie wir sie planten, vorbereiteten und durchführten, möchte ich Ihnen gerne auf den kommenden Seiten erzählen. Haben Sie etwas Zeit und Lust, die Seele baumeln zu lassen? Dann begleiten Sie mich doch eine Weile auf dem Weg vom Jazzabend im Kulturzentrum Villa Fuchs in Merzig, über Kiel nach Göteburg durch die Weiten Smålands. Ich wünsche Ihnen viel Spaß beim Lesen.......

 

Eine spontane Idee

Wir, zwei alte Schulfreunde, Rolf und ich, treffen uns 16 Jahre nach unserer Schulzeit durch Zufall wieder bei einem Jazzabend in einem wunderschönen Kulturbistro, der Villa Fuchs, in Merzig. Diese Einrichtung bringt in die beschauliche Kleinstadt im Dreiländereck Deutschland-Frankreich-Luxemburg einen Hauch von Kleinkunst.
Es war Frühling; das Jahr hatte begonnen, als gäbe es keine Winter mehr. Auch jetzt, Ende April, waren die Temperaturen am Tag fast schon wie im Frühsommer. Die Susan Weihnard Band ist angesagt. Ich hatte nie davon gehört. Seit über einem Jahr hatte ich mich daheim vergraben. Schon seit geraumer Zeit spürte ich wieder diese Lust auf Leben. Wollte unter Leute, reden, lachen, weinen. Wollte mich selbst und das Leben wieder fühlen. Also beschloß ich, heute Abend meinen kleinen Sohn meinen Eltern anzuvertrauen und in das Kulturzentrum Villa Fuchs zu gehen. Ich erinnere mich heute noch sehr gut, daß meine Mutter richtig aufatmete, als sie sah, daß ich erstmals nach meiner Scheidung wieder unter Menschen ging. Es war ein seltsames Gefühl. Lange überlegte ich, was ich anziehen soll; Unsicherheit pur. Als ich mein Auto in der Nähe des Kulturzentrums parkte, war mir ganz mulmig in der Magengegend. Langsam schlenderte ich dem wunderschönen Altbau aus rotem Sandstein im wilhelminischen Stil entgegen. Die Beleuchtung in den Fenstern, die Autos auf dem Parkplatz, die Menschen auf dem Weg zum Bistro, dies alles zeugte von regem Treiben. Ich zögerte. Dann gab ich meinem Herzen einen Stoß, und wie man im Schwimmbad von einem Sprungturm nach langem Zögern urplötzlich mit Schwung die Plattform verläßt, betrat ich das Kulturbistro. Mir fiel dabei der Text eines Chansons von Klaus Hoffmann ein: "...du wärst so gerne beteiligt gewesen, hattest immer ein Aber bereit; sprangst dann doch mitten hinein, ohne zu denken, erlebtest ein paar Minuten des Glücks...."
Und so sollte dieser Abend mir ein paar Momente des Glücks bescheren.......
Die Susan Weihnard Band spielte im ersten Stock. Bisher kannte ich das Kulturzentrum nur vom Hörensagen und von außen. Unten im Bistro mußte ich mir meine Karte kaufen. Ich war erstaunt. Sehr hohe Decken, mit wunderschönen Stuckornamenten und tollen Holzverkleidungen an den Wänden zierten dieses Bistro zu einem besonderen Ort. Der Wirt hat offensichtlich einen guten Geschmack. Das Bistro mit seinem Barraum und seinem angrenzendem Nebenraum ist eine Komposition des Wohlfühlens. Im Barraum steht links ein großer, uralter Kachelofen. Die Theke ist aus dunkel poliertem Holz. Zwischen den beiden Fenstern hängt ein großer, in dunkles Holz gerahmter Spiegel, auf dem der Wirt mit einem Wachsstift das Tagesmenü präsentiert. Dunkle schwere Bistrotische und ebensolche Barhocker stehen in kleinen Gruppen im Barraum. Im Nebenzimmer sind aus gleichem Holz Tische und Stühle aufgestellt. Beide Räume haben als Fußboden einen hundert Jahre alten Parkettboden. Wohlverteilte Kerzen verbreiten warmes Licht. Dezente Musik lädt zum Bleiben ein. Ich bin so angetan von diesen Räumlichkeiten, daß ich kurz überlege, ob ich mir das Konzert oben spare und mich hier unter die Leute setzen und den Abend genießen soll. Aber ich verwerfe den Gedanken und kaufe mir die Eintrittskarte.
Der Konzertraum ist nicht besonders groß. Höchstens 100 Leute faßt der Raum. Die Band beginnt pünktlich, und obschon ich kein Jazzkenner bin, nimmt die Musik mich voll in ihren Bann. Schnell verstehe ich, warum die Band nach der blonden Sängerin und Gitarristin benannt ist. Die Frau hat Charisma. Sie ist in keinster Weise aufdringlich. Fast schon unscheinbar steht sie auf der Bühne, spielt, singt und versprüht eine Aura an Wohlgefühl. Hin und wieder lächelt sie. Und dabei erobert sie alle Herzen im Saal. Ich bin voll schöner Gedanken und Gefühle, als ich nach dem Konzert runter ins Bistro gehe. Ich setze mich an die Theke, zwischen mir unbekannte Menschen und bestelle mir ein Bier. Neben mir sitzt ein Mann. Der Haarkranz um seine Glatze ist genau so kurz geschnitten, wie sein Vollbart. Ich spüre, daß er mich immer wieder von der Seite her anschaut. Ich schaue zurück und bin mir nicht sicher, ob er es ist. „Rolf?“ Er lächelt. Ja, es ist wirklich Rolf, mein alter Schulfreund. Als ich ihn das letzte Mal sah, hatte er noch volles Haar und keinen Bart. Wir hatten damals Mofas und eroberten die Welt. Rolf war immer ein sehr stiller Vertreter; den leisen Tönen zugetan. Er und sein Zwillingsbruder konnten malen, daß uns allen die Augen übergingen. Ich glaube, auch wenn man sich richtig doll angestrengt hätte, hätte man mit Rolf keinen Streit bekommen können. Jetzt saßen wir nebeneinander, nach einem tollen Konzert, in einem wunderschönen Bistro. Ich hätte heute abend keinen besseren Griff machen können, als ihn zu treffen. Schnell waren mit ein paar Worten die 16 Jahre überbrückt. Beide steckten wir in keiner einfachen Phase, mußten eigentlich mit Anfang 30 noch mal von vorne beginnen. Als Kinder träumten wir immer von Kanada und Alaska. An diesem Abend, nach einem guten Gespräch und einigen Gläsern Bier, verabredeten wir, in diesem Sommer mit unseren Fahrrädern durch Schweden zu fahren. Schweden war für uns beide die bezahlbare Alternative zu unserem Kindheitstraum: Kanada und Alaska. Natürlich wußten wir beide: In Bierlaune werden die tollsten Geschichten erzählt und verabredet. Also planten wir für den kommenden Tag ein Treffen, um unsere Absicht zu verfestigen, oder zu verwerfen. Eines jedoch wußten wir schon jetzt: 16 Jahre Stille hatten keinen Keil zwischen unsere alte Verbundenheit getrieben.

 

 

 

 

Die Planung

 

Am kommenden Tag trafen wir uns in einer Merziger Szenekneipe, dem Saggi. Heute glaube ich, daß sowohl Rolf als auch ich mit dem Gefühl zu dem Treffen gingen: Der andere sagt ab. Aber es kam anders. Wir saßen beisammen und waren uns einig, daß die Idee klasse ist und wir sie in die Tat umsetzen sollten. An dieser Stelle sei gesagt, daß Rolf schon mehrere große Radtouren hinter sich hatte, ich jedoch völlig unerfahren in dieser Hinsicht war.
Die kommenden Wochen verbrachten wir damit, unsere Reise zu planen. Inhaltlich stellten wir uns das sehr einfach vor. Wir wollten mit dem Zug nach Norddeutschland, von dort mit der Fähre nach Schweden. Dort eine komplette Runde um den Vätternsee fahren, der wohl doppelt so groß ist wie der Bodensee. Bei unserer Planung hatten wir einen kleinen Taschenkalender dabei und der Vätternsee war der einzige erkennbare See, der auf der Minikarte eingezeichnet war. Im Nachhinein haben wir viel über dieses Herangehen an die Reiseplanung gelacht. So, wie in "Theo gegen den Rest der Welt", als Theo seinen Kompagnon immer wieder mit seinem Taschenkalender überredet, weiter zu fahren: "Enno, nur noch 3 cm bis Neapel...."
Während Rolf komplett ausgestattet war, mußte ich mir die ganze Tourenausstattung noch kaufen. Ich veräußerte meine schöne Peugeot - Rennmaschine und zahlte noch einiges drauf, um mir ein vernünftiges Trekkingrad kaufen zu können. Packtaschen, Regenkleidung und diverses Zeug kamen hinzu. In meiner damaligen Situation viel Geld. Doch eine innere Stimme sagte mir, daß es eine lohnende Investition sei. Ich sollte nicht enttäuscht werden.....
Als ich meine Ausrüstung komplett hatte, mußte ich den Trainingsrückstand zu Rolf aufholen. Jeden Abend setzte ich mich auf mein nagelneues Rad und fuhr täglich längere und schwierigere Strecken. Zudem war ich zu jener Zeit als Hobbytriathlet gut im Schwimm- und Lauftraining. Allerdings ist das Radfahren mit gepackten Taschen nicht vergleichbar mit dem Training auf einer Rennmaschine. Wir saßen noch viele Abende beisammen und redeten und planten unsere Reise. Über die Küchenbuchhaltung unserer Kaserne kaufte ich einen Vorrat an Warmkostteilen aus den militärischen Tagesrationen, EPA(Einmannpackung) genannt. Rolf hatte einen kleinen Gaskocher. Damit wollten wir uns teilweise unterwegs verpflegen. Übernachten wollten wir in Jugendherbergen und abends würden wir schon irgend etwas zum Essen auftreiben. Wie unbedarft wir damals unsere Reise planten! Heute würde ich viel detaillierter recherchieren und jedwede Eventualität einkalkulieren. Und dennoch war unsere Vorbereitung perfekt. Allerdings kam auch keine wirkliche Panne in unsere Quere. Den Pannen, die passierten, begegneten wir mit Spontaneität. Das Glück war uns ein ständiger Begleiter. Im Nachhinein glauben Rolf und ich, daß wir wirklich mit Gottes Segen unterwegs waren. Doch dazu später mehr.......
Ende Juni hatten wir geplant, gepackt und genug trainiert. Wir fieberten unserer Reise entgegen und ein jeder hatte eine stille, unausgesprochene Angst vor dem Unbekannten. Keiner teilte sie dem anderen mit. Mitte Juli sollte es losgehen.
Unsere Räder gaben wir eine Woche vor Reisebeginn als Gepäckstücke am Merziger Bahnhof mit Reiseziel Kiel auf. Man versicherte uns, sie seien spätestens drei Tage nach Aufgabe vor Ort.

 

 


Der Weg nach Norden

 

 

 

Mitte Juli ging es los. Wir fuhren sehr früh vom Merziger Bahnhof gen Norden. Die Abschiedszeremonie war nicht leicht. Ich mußte mich von meinem 5 jährigen Sohn trennen, der während der Reise von meinen Eltern und seiner Mutter versorgt wurde. Rolf lebt als einziger von vier Geschwistern bei seiner Mutter, die er nur sehr ungern nach dem Tod des Vaters allein ließ. Der Abschied fiel uns allen schwer. Jedem auf seine Art. Unsere Radtaschen waren voll gepackt. Wir fuhren zweiter Klasse in Richtung Kiel, mußten mehrmals umsteigen und unser gesamtes Gerödel schleppen. Wir hatten die Radtaschen und Rucksäcke zusammengeschnürt, dennoch waren sie sehr unhandlich. Voller Spannung fuhren wir dem Kieler Hafen entgegen. Wir redeten wenig. Um 19.00 h sollten wir mit der Fähre der STENA Line von Kiel nach Göteborg ablegen. In Kiel angekommen kam es zur ersten Panne: Unsere Räder waren noch nicht da. Im Keller des Kieler Bahnhofs waren hunderte von Fahrrädern aufgereiht, unsere jedoch waren auch nach stundenlanger Suche nicht zu finden. Da standen wir nun, mit voll gepackten Taschen, ohne Fahrrad, ohne Unterkunft. Was tun? Mutlos standen wir vor dem Bahnhof, als mir ein schicker Marinesoldat ins Auge fiel. Damals befand ich mich gerade in der Offizierausbildung. Ich hieß Rolf zu warten und mein Gepäck mit zu bewachen. Schnell stiefelte ich dem Seemann in seiner schicken Ausgehuniform hinterher.

 

 

 

 

 

 


 

 


 

Es war ein lebensälterer Stabsbootsmann. Ich fragte ihn nach seiner Kasere. Mit der Straßenbahn machten wir uns auf zum Marinestützpunkt in der Nähe des Kieler Olympiazentrums. An der Wache wollte man uns zuerst abweisen. Ich verlangte den wachhabenden Offizier. Und tatsächlich bekamen wir eine kostenlose Unterkunft, konnten im Kasino kostengünstig essen und für den Fall, daß unsere Räder auch zum Samstag nicht da wären, könnten wir das ganze Wochenende verbleiben. Die erste Panne war gemeistert! Am kommenden Morgen fuhren wir mit der Straßenbahn und dem Bus zum Kieler Freibad. Wir waren die ersten Badegäste und schwammen jeder tausend Meter. Wir waren guter Stimmung und beim Frühstück am Kieler Bahnhof verabredeten wir, falls unsere Räder heute nicht ankommen würden, die kommenden zwei Wochen in Schleswig Holstein zu verbringen. Hier wurde erstmal deutlich, daß sowohl Rolf als auch ich eine stille Angst vor der bevorstehenden Schwedentour hatten! Aber es kam anders: Unsere Räder warteten bereits im Bahnhofskeller auf uns!

 

 

 

 

Die Überfahrt

 

Wir schulterten unsere Rucksäcke mit den Schwimmsachen und fuhren voller Tatendrang zur Kaserne zurück. Schnell hatten wir unsere Sachen gepackt, uns bei den Verantwortlichen in der Kaserne bedankt, und ab ging es in Richtung Hafen. Erstmals fuhren wir mit voller Beladung. Schon nach 500 Metern riß mir eine vordere Packtasche aus der Halterung, als ich von einem Bordstein auf die Straße fuhr. Da lag eine der vorderen Packtaschen auf der Straße. Die Tasche war durch die vielen Warmkostteile einfach zu schwer für die Halterung. Mein Rad ließ sich auch sehr schwer steuern, da das Gewicht auf der vorderen Gabel enorm war. Was tun? Wir überlegten kurz, uns von dem schweren Verpflegungsvorrat zu trennen, verwarfen den Gedanken aber wieder. Am Hafen kaufte ich bei einem Schiffsausstatter Gurte und zurrte die beiden vorderen Taschen fest. Dennoch war das Fahren mit diesen übervollen Taschen vorne und hinten ein echtes Kunststück. Die Angst vor Schweden wuchs bei uns beiden. Auch Rolf hatte bisher bei seinen innerdeutschen Radtouren weitaus weniger Gepäck mit sich rumgeschleppt, als wir jetzt auf und an unsere Drahtesel gehängt und geschnallt hatten. Wir sprachen nicht über unsere Ängste und fuhren zum Terminal der STENA Line, um unsere Tickets für die Überfahrt zu kaufen. Die Fähre lag bereits an der Kaimauer verzurrt. Nie zuvor hatten wir ein solch riesiges Schiff gesehen! Um 16.30 h stand eine endlos lange Schlange an Pkws und Lkws am Kai, die in den Bauch der Fähre wollten.


 

Die unteren Decks waren einem großen Parkhaus gleich. Darüber kamen 8 Stockwerke Kabinen, und oben waren Geschäfte, Bars, Restaurants, Spielplätze und natürlich viele Sitzgelegenheiten an Deck. Eine kleine schwimmende Stadt. Die Uniformierten der STENA Line wiesen uns an, an den Autos vorbei das Schiff zu befahren und unsere Räder in einem bestimmten Bereich der Parkdecks abzustellen. Mit uns waren viele Radfahrer und Rucksacktouristen unterwegs. Rolf und ich hatten uns nur die Fahrkarte gekauft und keine Kabine gemietet. Wir wollten damals unsere Kosten minimieren und hatten vor, an Deck zu schlafen. Es dauerte ewig, bis die vielen Räder, Autos und Lastwagen verladen waren. Rolf und ich schauten uns an Bord um und staunten Bauklötze. Wir machten es uns an Deck bequem: Jetzt gab es kein Zurück mehr! Bis hierher hatten wir immer noch die Chance, unsere Reise umzuplanen und eventuell mit den Rädern an der deutschen Ostseeküste entlangzufahren. Jetzt waren wir eingecheckt und schon bald sollte dieses riesige Schiff ablegen und Kurs auf Schweden nehmen. An Deck kauften wir uns eine Dose Bier, rauchten eine und winkten den vielen Menschen am Kai zu. Als pünktlich um 19.00 h am Heck des Schiffes das Wasser durch die Schiffsschrauben aufgewühlt zu brodeln begann, startete unser Abenteuer. Noch eben winkten wir fremden Menschen am Kai zu, da waren wir schon kurze Zeit später auf der offenen Ostsee. Die Luft wurde kühler und ein traumhafter Sonnenuntergang verabschiedete unser Heimatland hinter uns. Rolf und ich packten unsere Luftmatratzen und Schlafsäcke aus und machten es uns auf Bänken an Deck bequem. Während der ganzen Reise hatten wir beide die Gabe, uns prächtig zu verstehen, ohne große Worte zu machen. Wir verstanden uns blind. Als die Nacht hereinbrach, wurde es kühl und der Wind frischte auf. Ich lag mit meinem Schlafsack in Windrichtung, und die kalte Luft fegte in meine Schlafstatt hinein. Ich lag da wie in einem Ballon. Wir lachten uns fast tot, packten unsere sieben Sachen und suchten uns im Schiffsinneren einen Schlafplatz. Das war nicht so einfach, wie gesagt. Fast alle Rucksacktouristen hatten keine Kabine gebucht und lagen unter Treppen, auf Fluren und vor Kiosken. Irgendwann fanden wir ein Plätzchen. Aber die Nacht war schon fortgeschritten und so wirklich kamen wir nicht zum Schlafen. Um 6.00 h packten wir unsere Sachen zusammen, verstauten sie unter Deck auf unseren Rädern und machten uns auf zu dem Frühstücksrestaurant. Hier war schon ein Heidenbetrieb. In langen Schlangen standen wir an, um uns Kaffee, Brötchen und schwedisches Gebäck zu sichern. Nach dem Frühstück gesellten wir uns zu den vielen Menschen an Deck. Das schwedische Festland war zu sehen, und unser Schiff fuhr behäbig durch die Schären vor Göteborg. Es war ein regengrauer Morgen. Die Schären sahen kahl und unfreundlich aus. Als wir Göteborg in Sicht bekamen, wurde der Anblick keineswegs freundlicher. Graue, düstere Hafenanlagen empfingen uns. Der Nieselregen und die kühle Morgenluft, verbunden mit dem grauen Dämmerlicht luden nicht zur Ferienfreude ein. Was hatten wir erwartet? Daß Pippi Langstrumpf auf seinem kleinen Onkel und Herrn Nielsson auf der Schulter Michel aus Lönneberga hinterherreitet und Karlsson auf dem Dach darüber hinwegfliegt? Alles natürlich im Sonnenschein, gesäumt von bunten Blumen, grünen Wiesen mit glücklich grasenden Kühen? So naiv sollten nicht einmal wir beide unerfahrenen Provinzkinder sein. Aber ein Blick in die Gesichter ringsum sagte uns, daß auch alle anderen ernüchtert wirkten. Gestern in Kiel war allerschönstes Sommerwetter, und hier im Göteborger Morgen roch es nach November. Das Schiff legte ruhig am Kai an, und alle bereiteten sich auf das Ausbooten vor. Dieser organisatorische Akt ging ruhig und sehr professionell vonstatten. Bedenkt man, daß die meisten Menschen hier keine Erfahrung und schon gar keine Routine in diesen Verfahren haben, so wird klar, wie hervorragend die Reederei diesen Fährbetrieb organisiert hat. Direkt vom Schiff aus fahren wir zur Zollabfertigung. Die Zöllner sind kühl und distanziert und wollen wissen, wie lange wir vorhaben in Schweden zu verbleiben. Rolf und ich sind etwas aufgeregt. In unseren Gepäcktaschen befinden sich zwei Flaschen Wein. Wir sind nicht sicher, ob wir gegen die Einfuhrbestimmungen verstoßen. Aber wir haben im Reiseführer gelesen, daß Alkohol in Schweden teuer ist, und sich die Schweden aufrichtig freuen, wenn man ihrer Gastfreundschaft mit einer Flasche Wein begegnet. Wir dürfen passieren und finden uns im frühmorgendlichen, verregneten Göteborg wieder. Die Stadt schläft noch.

 

 

 

Weiter Weg nach Alingsås

 

 

 

Rolf und ich sind wie benommen. Wir haben keinen Plan, wo wir hin sollen. Göteborg ist eine Großstadt. Wir fahren aufs Geratewohl los und kommen nicht voran. Wir plagen uns eine graue, düstere, kopfsteingepflasterte Straße bergauf. In der Mitte verlaufen Straßenbahnschienen. Zum ersten Mal in meinem Leben sehe ich einen Geher. Seine Bewegungen sehen ungesund aus. Es ist fast ein Laufen, dabei verdreht er unnatürlich die Hüften. Aber er ist bergauf schneller als wir beide mit unseren vollgepackten Drahteseln. Oben angekommen sind wir keinen Deut schlauer. Ein Gewirr an Straßen, Kreuzungen und unlesbaren Schildern macht es uns nicht leichter. Wir fahren zurück Richtung Hafen. Dort in der Nähe ist ein Busbahnhof. Busbahnhöfe haben in Schweden eine andere Bedeutung als bei uns in Deutschland. Im weiten Schweden läuft ein großer Teil des Personenverkehrs mit komfortablen Überlandbussen. Somit sind auch die Busbahnhöfe größer und reicher an Informationsquellen. Aber auch hier werden wir nicht schlauer. Schweden ist dünn besiedelt. Großstädte gibt es nicht wirklich viele. Göteborg gehört zu den drei größten Städten des Landes. Die Zubringer zur Stadt sind Eisenbahnlinien und Autobahnen. Kaum einer kommt mit dem Rad nach Göteborg gefahren. Und ebenso schwer ist es, mit dem Fahrrad aus Göteborg herauszukommen. Wir fahren zu einer Tankstelle, kaufen uns eine Karte und fragen, wie wir mit den Rädern aus der Stadt herausfinden können. Hier werden wir erstmals mit der schwedischen Gastfreundschaft konfrontiert.
Der Tankwart nimmt sich sehr viel Zeit für uns und erklärt uns in passablem Englisch, daß das nicht einfach wird. Wir studieren gemeinsam die Karte. Rolf und ich vermuten, daß wir heute bestimmt 80 km weit fahren könnten. Also messen wir anhand des Maßstabes ca. 80 Kilometer in Richtung Vätternsee und stoßen auf den Ort Alingsås (gesprochen Alingsoos). Der Tankwart rät uns, am Hafen entlangzufahren, bis wir irgendwann eine normale Straße finden. Fast schon mutlos radeln wir durch die endlos erscheinenden Hafenanlagen, bis wir irgendwann eine Unterführung finden. Auf einer schmalen Straße strampeln wir Richtung Nordwesten aus Göteborg hinaus. Allmählich klart das Wetter auf. Die Großstadt liegt hinter uns. Die Landschaft wird endlich freundlicher. Ob wir richtig auf Kurs sind, wissen wir nicht. Wir fahren einfach drauf zu. Nach zwei Stunden kommen wir in einen kleinen Ort. An einem Supermarkt halten wir an und wollen uns Wasser kaufen. Rolf weiß aus Erfahrung, daß man bei diesen langen Touren immer viel trinken muß. Daher haben wir auch ausreichend Trinkflaschen an unsere Räder montiert. Im Supermarkt gibt es eine Cafeteria. Wir gehen hinein, kaufen uns Kaffee und schwedische Teilchen. Wir werden auf unserer Reise noch lernen, daß süßes Gebäck ein fester Bestandteil des schwedischen Frühstücks ist. Als ich mir einen weiteren Kaffee kaufen will, sagt mir die freundliche Schwedin, daß der weitere Kaffee umsonst ist. Auch das werden wir lernen: In Schweden zahlt man nur den ersten Kaffee. Trinkt man danach noch ein oder auch zwei Tassen, werden diese nicht berechnet. Hier in dieser Cafeteria ändert sich unsere Stimmung. In diesem Supermarkt beginnt die Freude über unsere Tour sich in uns beiden auszubreiten. Die Leute sind sehr freundlich und hilfsbereit. Man erklärt uns, wie wir weiterfahren sollen; zeigt uns weniger dicht befahrene Straßen. Und was das Beste ist: Wir sind auf dem richtigen Weg. Nach dieser Kleinstadt führt unser Weg uns in die Ausläufer der weiten Wälder Smallands. Vereinzelt kommen wir an typisch schönen schwedischen Bauernhöfen vorbei. Alle paar Kilometer säumen Seen unseren Weg. Wir treffen kaum noch Menschen. Uns ist, als tauchten wir immer tiefer in die Natur ein. Eine rosafarbene Pflanze ist sehr verbreitet; ich weiß aber nicht, wie sie heißt. Wir halten zwischendurch an und lassen diese Stille, die Weite und diese unbeschreiblich klare Luft auf uns wirken. Obwohl wir mit unseren schwer beladenen Fahrrädern noch ungeübt sind, schaffen wir die 86 Km bis Alingsås spielend. Zu sehr sind wir von der Schönheit der Natur abgelenkt, als daß wir Müdigkeit verspüren können. Die letzten Kilometer vor Alingsås geht es sanft bergab. Vorher mußten wir teilweise kräftig in die Pedale treten und einige Höhenmeter hinter uns bringen. Wir rollen entspannt unserem Tagesziel entgegen. Weite Seen mit verschachtelten, mit Nadelwald bewachsenen Inseln sind rechts und links der Straße. Bilderbuchschweden. Später wird uns klar, daß wir mit dem Ziel Alingsås einen deftigen Umweg in Richtung Vätternsee gefahren sind. Aber auch hier glaube ich, daß uns jemand bewußt hierher gelenkt hat. Alingsås ist eine wunderschöne kleine schwedische Stadt.

 

 

 

 

 


Sie liegt in einer traumhaften Seenlandschaft und ist Balsam für die Augen. Als wir gegen Abend ankommen, sind wir müde und hungrig. Wir suchen eine Jugendherberge. Es gib genau eine in dieser Stadt. In Schweden heißen die Jugendherbergen Vandrahem. Das Vandrahem in Alingsås ist eine echte Villa Kunterbunt. Wunderschön. Nur als wir ankommen, ist die Herberge vollkommen ausgebucht. Da stehen wir nun. Hundemüde, hungrig, das Wetter scheint wieder regnerisch zu werden, und wir haben kein Dach über dem Kopf. Rolf und ich werden mutlos. Doch jetzt rollt das an, was uns während unserer gesamten Reise begleiten wird: Die schwedische Gastfreundschaft! Die Herbergsmutter, eine ca. 60 jährige Frau mit wettergegerbtem Gesicht beginnt zu telefonieren. Ich verstehe kein Wort von dem, was sie sagt. Nach dem Gespräch fragt sie uns, wohin die Reise uns morgen führen soll. Wir studieren gemeinsam die Karte und rechnen, wie heute morgen auch, etwa 60 Km weiter in Richtung Vätternsee, unserem eigentlichen Ziel. Ulricehamn kommt in Betracht. Die Herbergsmutter fragt mich nach meinem Namen. Dann telefoniert sie wieder. Sie meldet uns für den kommenden Tag in der Jugendherberge in Ulricehamn an. Danach erklärt sie mir, daß wir mitten im Ort Alingsås in ein Reisebüro gehen sollen. Das Büro des Fremdenverkehrsvereins ist eigentlich schon geschlossen, aber sie hat eben die Dame zu Hause erreicht, und sie wird uns erwarten, um uns eine Unterkunft zu besorgen.
Rolf und ich sind sehr gerührt. Dann fahren wir zum Reisebüro. Eine etwa 25 jährige Schwedin, nicht blond, so ganz nicht dem Bild der Traumschwedin entsprechend, empfängt uns. Sie ist etwas füllig, hat brünettes Haar und ein so freundliches Gesicht, daß man sie auf Anhieb gern haben muß. Sie vermittelt uns ein Zimmer auf einem Bauernhof außerhalb von Alingsås, bereits auf der Strecke nach Ulricehamn. Sie erklärt uns, daß wir am besten über die Nebenstraßen fahren sollen, da die Schnellstraße erstens viel zu gefährlich für Radfahrer sei und zudem weitaus weniger reizvoll als die besagte Nebenstrecke. Als wir sie fragen, was wir ihr für ihre Bemühungen schuldig sind, lächelt sie. Normalerweise 40 Kronen, aber da das Büro schon geschlossen ist, wäre dies ein Akt der Gastfreundschaft. Wir sind schon wieder gerührt. Aus unserem Gepäck nehmen wir eine der Weinflaschen und schenken sie ihr als Dank. Jetzt ist sie es, die gerührt ist. Diese junge Frau strahlt übers ganze Gesicht, und als Dank macht sie eine fast schon förmliche Verneigung. Wir verabschieden uns von ihr und machen uns auf den Weg zu der Adresse, die sie genannt und beschrieben hat. Es ist ein kleiner Bauernhof. Rot gestrichen sieht er aus wie ein Postkartenmotiv aus Schweden. Obligatorisch weht die schwedische Flagge am Mast. Es sind einfache, freundliche Leute, die für uns ein Kinderzimmer räumen. Zwei ihrer Jungs müssen heute abend zusammen in einem Zimmer schlafen.
Rolf und ich bekommen das frei geräumte Bett und eine Couch. Nachdem wir unser Zimmer bezogen haben, fahren wir noch mal zurück nach Alingsås und suchen uns eine Pizzeria, wo wir unseren Hunger stillen können. Da in Schweden die Restaurants unverschämt teuer sind, werden wir in den kommenden zwei Wochen abends meist Pizza essen. Es gibt in jedem Ort eine Pizzeria, und hier sind die Preise wie in Deutschland. Nach dem Essen fahren wir zurück, stellen unsere Räder im Schuppen des Bauernhofes ab und machen einen Spaziergang durch den nahegelegenen Wald. Wir lassen den Tag Revue passieren und sind uns einig: Der Entschluß, Schweden per pedes zu bereisen, war eine unserer besten Ideen in unserem Leben. Schon der erste Tag hat in Rolf und mir so viel ausgelöst, wie es hätte daheim wohl nie passieren können. Wir sind erschlagen von der Schönheit des Landes und können diese offene und herzliche Gastfreundschaft der Schweden kaum fassen. Später gehen wir zu unserer Unterkunft zurück. Von der schwedischen Familie sehen und hören wir nichts. Wir schlafen wie die Engel, irgendwo auf einem Bauernhof im smalländischen Wald.

 

 

Gegen den Wind nach Ulricehamn

 

 

 

Wir werden ziemlich früh wach. Nach der ersten Etappe mit vollem Gepäck sind unsere Knochen steif. Wir zahlen einen fast schon unanständig niedrigen Preis für die Übernachtung. Für diesen Betrag hätte in Deutschland keiner ein Zimmer umgeräumt. Wir trinken eine Tasse Kaffee und essen etwas Knäckebrot und verabschieden uns von diesen freundlichen und bescheidenen Menschen. Auch heute ist das Wetter nicht besonders einladend. Es ist diesig und ein dünner, windiger Regen hängt in der Luft. Nach einer halben Stunde kommen wir an einer Tankstelle mit Raststätte vorbei. Wir kehren ein und nehmen ein üppiges Frühstück zu uns. Dann fahren wir weiter. Irgendwie fahren wir heute fast nur gegen den Wind. Der Regen läßt gegen Mittag nach, aber die Kilometer tropfen träge und schwerfällig von unseren Rädern ab. Die Landschaft entschädigt uns für unsere Mühen. Kurz darauf, wir sind noch lange nicht am Ziel, sind wir beide so ausgehungert, daß uns die Hände zittern. Bei der Tour de France nennt man so etwas einen Hungerast. Wir biegen in ein Waldstück ein und bereiten uns auf Rolfs Gaskocher jeder eine warme Mahlzeit aus den militärischen Einmannpackungen zu. Als Nachtisch gibt es noch für jeden ein süßes Teilchen. Nach einer Stunde sind wir wieder einsatzbereit und fahren weiter. Immer noch gegen den Wind.
Unterwegs halten wir an einem kleinen Lebensmittelladen an der Landstraße an. Wir müssen unseren Wasservorrat ergänzen. Ich bekomme die letzte Flasche Wasser. Rolf kauft sich eine Flasche Limonade. Bevor wir weiterfahren, will jeder einen kräftigen Schluck zu sich nehmen. Ich setze meine Wasserflasche an, Rolf seine Limonade. Dann sieht er mich an, und sein Lächeln macht mich neugierig. Er fragt mich, ob ich mal probieren will. Eigentlich nicht, denn ich mag keine süßen Getränke. Rolf überredet mich zu trinken. Ich nehme einen kräftigen Schluck und denke, ich muß sterben. Es ist keine Limonade, sondern pures Sirup. Man nutzt es, um es mit Wasser zu verdünnen und sich dann eine Art Limonade selbst zu mischen. Rolf blieb eisenhart und mischte sich dieses grausame Zeug bis zum bitteren Ende zurecht. Wir lachten noch tagelang darüber.

 

 

 

 

 


 

Als wir endlich in Ulricehamn ankommen, sind wir beide völlig fertig. Wir bleiben an einem Touristikinfo - Schild stehen und suchen das Vandrahem, können es aber auf der Karte nicht finden. Ich bin total K.O. Rolf nimmt es gelassener als ich. Er ist ohnehin die Ruhe in Person. Dann sehen wir ganz oben auf einem Berg ein helles Anwesen. Ich sehe hoch und sage scherzhaft zu Rolf, daß ich lieber hier im Freien schlafe, als nach dieser hammerharten Tour von heute, noch da hochzufahren. Wir fragen uns durch. Und es kommt, wie es kommen mußte: Das Vandrahem liegt genau da oben auf dem Berg. Natürlich will ich nicht im Freien schlafen, und so quälen wir uns die paar Kilometer den Berg hoch. Ich habe fast das Gefühl umzukippen. Rolf beweist einmal mehr, daß er konditionell deutlich besser drauf ist als ich. Gestern abend hatte die nette Herbergsmutter aus Alingsås uns ja bereits hier angemeldet. Da nur ich ein halbwegs passables Englisch spreche, hatte ich die Buchung mit der Dame abgesprochen und meinen Namen angegeben. Als wir völlig fertig am Vandrahem ankommen, sind wir begeistert. Es ist ein Neubau, der einem Mittelklassehotel in nichts nachsteht. Aber es kommt noch besser. Während wir total erschöpft von unseren Rädern absteigen, kommt eine junge Vorzeigeschwedin aus der Herberge heraus. Sie hat lange blonde Haare, ozeanblaue Augen, ist braungebrannt, und ihr Lächeln würde selbst einen kirchlichen Würdenträger verzaubern. Sie sieht mich an und sagt: "Du bist der Michael aus Deutschland, oder?" Vergessen ist der anstrengende Berg. Vergessen ist die Fahrt gegen den Wind. Sie führt uns zu unserem Zimmer. Ein richtig schönes freundliches Zimmer. Wir duschen, waschen unsere Unterwäsche und hängen sie zum Trocknen in die inzwischen scheinende Sonne. Dann sehen wir uns nach etwas Eßbarem um. Es kommt, wie es kommen muß: Wir müssen noch mal den Berg hinunter, da es hier oben weder ein Geschäft noch eine Lokalität gibt. Im Vandrahem kann man nur kleine Snacks kaufen. Da wir völlig ausgepowert sind, benötigen wir dringend wieder Reserven für den morgigen Tag. Also bergab. Wir essen eine wagenradgroße Pizza; ultralecker. Ich bin so kaputt, daß ich nicht mal alles aufessen kann. Rolf erledigt das für mich. Da wir unser Gepäck in der Herberge gelassen haben, ist der Rückweg völlig easy. Wir stellen die Räder ab und machen einen Spaziergang. Unweit der Herberge ist ein sehr gepflegter Golfplatz. Man erklärt uns, daß Golf hier in Schweden ein Breitensport ist. In Deutschland ist diese Sportart eine Domäne der Bessergestellten. Hier in Schweden angelt man und spielt Golf. Ganze Familien golfen mit Leidenschaft. Es gibt keine hohen Aufnahmegebühren oder Mitgliedschaften. Golfplätze sind öffentliches Eigentum. Wir sind beeindruckt.
Am Abend sitzen wir in der Herberge. Da steht ein Klavier. Rolf spielt schon viele Jahre. Sehnsüchtig schaut er das Instrument an. Er ist schüchtern, traut sich nicht. Ich ermuntere ihn, doch ein wenig zu spielen. Zögernd setzt er sich an die Tasten und beginnt zu spielen. Ich kann sehen, wie mein alter Freund mit jedem Lied, das er spielt, tiefer in seine musikalische Welt entrückt. Jetzt ist er allein auf der Welt. Er spielt, bewegt sich rhythmisch. Der große Speisesaal ist voll von seinen Klängen. Immer mehr Leute, die auch in der Herberge übernachten oder hier arbeiten, kommen dazu. Rolf bemerkt sie nicht. Er spielt wunderschön. Die Leute sitzen da und genießen das spontane Klavierkonzert. Als Rolf den Applaus hört und die Leute sieht, kommt er erst wieder aus seiner musischen Welt zurück. Es war ein besonderer Moment; nicht nur für uns. Auch heute abend schlafen wir tief, fest und traumlos. Es war ein sehr anstrengender und zudem eindrucksvoller Tag.

 

 

 

Am Vätternsee

 

 

 

Wir haben seit unserer Abfahrt in Merzig nicht mehr darüber gesprochen, ob wir nun wirklich eine ganze Runde um den Vätternsee fahren werden. Inzwischen wissen wir, wie groß der See ist. Ich hätte ja zu Beginn der Reise jede Etappe generalstabsmäßig geplant. Aber es war der ruhige und besonnene Rolf, der damals, lange vor Reiseantritt lächelnd einwarf: "Stell Dir vor, wir kommen an einen wunderschönen Ort. Fahren wir dann weiter, weil wir unseren Plan einhalten müssen? Oder bleiben wir dann vielleicht einen- oder zwei Tage dort und genießen?" Er hatte ja so recht. Also definierten wir lediglich unser Grobziel, den Vätternsee. Alles andere würde sich schon ergeben. Und das tat es auch.......
Heute hatten wir eine relativ kurze Etappe vor uns. Jönköping am Vätternsee liegt etwa 50 Km von Ulricehamn entfernt. Das Wetter war prächtig, und wir
hatten nur wenige Höhenmeter zu bewältigen. Noch immer fesselte diese Märchenlandschaft unsere Sinne. Wir fuhren, ohne uns zu verausgaben, auf Jönköping zu. Die Stadt ist kleiner als Göteborg, gehört aber doch zu den großen Städten Schwedens. Es ist eine sehr freundliche Stadt, die direkt am Vätternsee liegt. Wir schlendern durch die Straßen, bummeln durch nette Geschäfte und freuen uns über das schöne sommerliche Wetter.
Als wir uns nach dem Vandrahem erkundigen, sagt man uns, daß es "nur" ein paar Meilen weit ist. Später wird uns jemand erklären, daß die schwedische Meile fast 10 Km weit ist. Wir haben die Zeit verbummelt und machen uns am Nachmittag auf, unserem Vandrahem entgegenzufahren. Über dem Vätternsee zieht sich ein Gewitter zusammen. Als es mit Donner und Getöse, begleitet von einem unvorstellbaren Platzregen, heruntergeht, finden Rolf und ich neben ein paar Jugendlichen Schutz unter einer Unterführung. Es regnet und hagelt, als würde die Welt untergehen. Die Donner hören sich an wie schwere Kanonenschläge. Wir sehen die Blitze über dem gewaltigen Vätternsee. Der See sieht eher aus wie ein Meer. Das jenseitige Ufer ist nicht auszumachen.
Als das Gewitter vorbei ist, klart das Wetter sofort wieder auf, und ein wunderschöner Regenbogen spannt sich über den riesigen See. Bis zu unserem Vandrahem mußten wir ca. 27 Km weit fahren. Somit wurde die geplante kurze Etappe zur gleichberechtigten Strecke des Vortages. Diese Herberge lag wunderschön in einem Park. Es gab mehrere Gebäude, in denen gemütliche Zimmer waren. Am Abend verspeisten wir wieder unsere gewohnte Pizza und trafen uns im Aufenthaltsraum mit einem Pärchen aus Freiburg, das auch mit dem Rad unterwegs war. Später kamen noch zwei Rucksacktouristinnen aus Augsburg hinzu. Die anderen vier waren bereits auf der Rückreise. Die beiden Mädchen erzählten uns, daß sie gerade aus Mariannelund kämen. Mir stockte der Atem. Gab es dieses Mariannelund und Lönneberga wirklich? Alle lachten. Ja, Astrid Lindgren hatte diese Orte nicht erfunden. Sie hatte all ihre Geschichten ursprünglich für ihre eigenen Kinder geschrieben und somit die Orte ihrer Heimat mit Leben gefüllt. Nur Pippi Langstrumpf wurde später, nachdem die Geschichten erzählt waren, nach Gotland, der vorgelagerten Ostseeinsel, verlegt. Aber Bullerbü und Lönneberga gibt es wirklich. Und was noch toller ist, an diesen Orten wurden diese wunderschönen Kinderfilme gedreht. Michel aus Lönneberga heißt in Schweden nicht Michel, sondern Emil. Der Hof Kathult ist original vorhanden und kann besichtigt werden. Ebenso Bullerbü. Und weil es so sehr viele Besucher gibt, hat man in Vimmerby eine Astrid - Lindgren - Kinderwelt errichtet. Hier sind alle Schauplätze der vielfältigen Geschichten der alten Dame für die Kinderwelt nachgestellt: die Villa Kunterbunt, Lönneberga und Kathult, die Höhle von Ronja Räubertochter, Bullerbü, das Reich von Karlsson auf dem Dach und und und. Zudem sind die Häuser mit Schauspielern besetzt, so daß diese Kinderwelt sehr lebendig dargestellt wird. Rolf war mit den Geschichten von Astrid Lindgren nicht so sehr vertraut. Aber ich kenne sie alle. Wir saßen in der Herberge beisammen und es war klar: Unser Plan mußte geändert werden. Nicht der Vätternsee würde unsere weitere Reiseroute bestimmen, sondern die Welt der Astrid Lindgren.
Eine weitere wichtige Information kam an diesem Abend noch hinzu: In Schweden kann man sein Fahrrad in den komfortablen Überlandbussen mitnehmen.

 

 

 

 

 

 

 

 

Auf nach Bullerbü

 

Am nächsten Morgen fuhren wir zurück zum großen Busbahnhof nach Jönköping und lösten uns Tickets nach Mariannelund. Rolf war die Routenänderung egal. Bisher war uns das Glück so hold, was sollte uns schon passieren? Der erste Bus war zu voll, so daß für unsere Räder kein Platz mehr in den Stauräumen war. Eine Stunde später bekamen wir das O.K. Als unsere Sachen verladen waren, setzten wir uns hinten in den Bus und genossen die Fahrt. Schwedische Überlandbusse sind nicht mit unseren Bussen des Personennahverkehrs zu vergleichen. Es sind klimatisierte Reisebusse, mit sehr bequemen Sesseln und getönten Scheiben. Das Reisen ist eine Wohltat in ihnen. Gemütlich tuckerten wir über die Landstraße nach Nordosten. Wir haben den Bus genommen, weil wir nicht wissen, ob wir sonst mit der uns zur Verfügung stehenden Zeit auskommen werden. Nach unserer Reise muß ich wieder nach Darmstadt zurück in mein Studium und Rolf wieder an die Arbeit. Am späten Nachmittag kommen wir in Mariannelund an. Eine gewöhnliche Kleinstadt, die in Astrid Lindgrens Geschichten nie eine wirkliche Rolle spielte. Lediglich, wenn auf Kathult jemand krank war, dann wurde nach dem Arzt im entfernten Mariannelund geschickt. Mariannelund hatte ein schönes Vandererhäm, aber ich wollte weiter, wollte nach Kathult. Wie ich diese Geschichten um den Lausbuben Michel und seiner kleinen Schwester Ida geliebt hatte. Also fahren wir weiter nach Lönneberga. Es ist nur wenige Kilometer entfernt. Als wir dort ankommen bin ich enttäuscht. Außer dem Namensschild Lönneberga hat das Dorf nichts mit dem Michel aus Lönneberga zu tun. Es ist ein Straßendorf. Die Häuser stehen rechts und links der Hauptstraße, und das war es dann auch schon. Ich frage an einem Haus nach Kathult. Hier lerne ich den einzigen unfreundlichen Schweden kennen. Ich war inzwischen oft in diesem Land, aber dieser ältere Mann ist der einzige unfreundliche Mensch, den ich bis heute in Skandinavien erlebte. Er sagte mir, daß er kein Englisch spreche und wenn ich was von ihm wolle, soll ich schwedisch lernen. Ich bedankte mich und fragte ein paar Häuer weiter. Man erklärte uns, daß Lönneberga nur den Namen gegeben habe und der Hof recht weit von hier stünde. Was allerdings nur ein Katzensprung entfernt sei, wäre Bullerbü. Also quartieren wir uns in dem Vandrahem in Lönneberga ein und lassen uns natürlich den Stempel in unseren Ausweis drücken. Dann verstauen wir unser Gepäck und fahren die paar Kilometer nach Bullerbü. Es geht nur bergauf. Die Straße ist eine Serpentine. Neben ihr schlängelt sich plätschernd ein kleiner Bach durch die dicken bemoosten Steine des Bachbettes. Schilf und bunte Gräser wachsen zwischen den Steinen. Ich glaube zu verstehen, woher Astrid Lindgren beim Schreiben ihrer Geschichten inspiriert wurde. Dieses Land ist ein Wunderland. Da wir wieder ohne Gepäcktaschen fahren, fällt uns der Anstieg nach Bullerbü nicht schwer. Ich kann mich eigentlich nur noch dunkel an die Filme von den Kindern aus Bullerbü erinnern. Aber als wir dieses kleine Dorf erreichen, bin ich verwundert. Es sind nur sieben Häuser und ein Schuppen. Der große ausgehöhlte Baum steht noch da und die Schaukel, die daran hängt, animiert jeden, sich darauf zu setzen und zu schaukeln. Die Häuser sind klein und muten an, wie Puppenhäuser. Aber das scheint in Schweden ohnehin so zu sein: Häuser werden so gebaut, daß sie praktisch sind. Keine großkotzigen Gebäude, die unnötig viel geheizt werden müssen, oder wo ungenutzte Zimmer sauber gehalten werden müssen. Mir scheint, daß die Schweden großherzige und praktisch orientierte Menschen sind. Rolf und ich genießen dieses Stück Paradies und fahren später voll schöner Gefühle und Gedanken in aller Ruhe den Berg hinunter zum Vandrahem in Lönneberga. Heute abend essen wir unsere militärischen Warmkostteile, denn in Lönneberga gibt es keine Pizzeria, oder ein sonstiges Lokal. Morgen früh wollen wir nach Kathult. Anschließend weiter nach Vimmerby ins Astrid Lindgren Kinderland. Heute hatten wir eine Erholungsetappe, morgen steht uns die bisher längste Tour bevor.

 

 

 

Der Zauber von Kathult und auf den Spuren von Pippi Langstrumpf

 

In der Herberge in Lönneberga können wir Kaffee trinken und uns ein kleines Frühstück zubereiten. Auf dem Weg nach Kathult fahren wir über Mariannelund und kaufen uns ein paar Vorräte für den Tag. Es geht weiter, entsprechend der uns gegebenen Beschreibung, zum Hof Kathult. Wir fahren ca. 10 km durch einen dichten Nadelwald. Ein kleines beschauliches Dorf mit dem lustigen Namen Rumskulla ist die letzte Bastion der Zivilisation, bevor es den Berg hoch in die Wälder, Wiesen und Seen um Kathult geht. An der Kirche von Rumskalla machen wir Rast. Es ist eine sehr schöne alte Kirche mit angrenzendem Kirchhof. Wir spazieren über die Kieswege und schauen uns die Daten auf den Grabsteinen an. Jeder eine Geschichte für sich, in einem Landstrich, wo die Möglichkeiten vor 50 Jahren bestimmt noch sehr begrenzt waren. Nach einer ausgiebigen Rast fahren wir die schmale Straße, nach unseren Begriffen eher ein asphaltierter Feldwirtschaftsweg, hinauf nach Kathult. Der Weg ist lang und nicht ohne. Als wir hinkommen liegt der ganze Zauber meiner Kindheit vor mir. Alles ist genau so erhalten wie ich es von den Filmen meiner Kindheit in Erinnerung habe. Im Tischlerschuppen stehen die kleinen Holzfiguren, die Michel immer dann schnitzte, wenn er mal wieder nach einem seiner Streiche vom Vater hier eingesperrt wurde. Das Holzbrett liegt vom Fenster hinüber zur Scheune, in der er sich mit Würsten vollstopfte, bis nichts mehr ging. Der kleine Anbau ist noch da, indem Alfred und Lina, der Knecht und die Magd, wohnten. Das Haupthaus ist ein Traum. Ich setze mich unter den Kirchbaum auf die Bank, schließe die Augen und mir ist, als höre ich die Stimmen von Michel, Alfred, Ida, Lina, Anton, der Krösamaier und Michels Mutter. Rolf selbst kann sich an die Kindersendung kaum erinnern. Er schaut sich das Anwesen mit anderen Augen an als ich. Auch er ist begeistert.
Wir bleiben eine ganze Weile an diesem schönen Ort. Irgendwann müssen wir uns losreißen. Wir wollen weiter nach Vimmerby ins Astrid Lindgren Kinderland. Auf einer malerischen Nebenstrecke nehmen wir gerne ein paar Kilometer mehr in Kauf. Die Strecke führt durch ein dichtes Waldgebiet. Ca. 20 Kilometer weit sehen wir keine Menschenseele. Beim Kauf der Eintrittskarten wissen wir, dass diese Anlage eher für Familien mit kleinen Kindern gedacht ist. Rolf und ich haben dennoch unseren Spaß. Karlsson auf dem Dach begegnet uns mit seinem Propeller auf dem Rücken. Kathult in Miniform ist da und Michel und seine Familie werden von Schauspielern dargestellt.
Der Brüller ist die Villa Kunterbunt. Ich gehe rein und drin sitzt Pippi Langstrumpf mit Annika. Pippi ist allerdings schon in der Pubertät und ihre Strumpfhalter wirken eher erotisch, denn frech. Aber die junge Schauspielerin hat sich voll und ganz mit ihrer Rolle identifiziert. Sie sieht mich an und fragt mich auf englisch, wer ich sei. „Micha aus Deutschland.“ „Ich bin Pippi“, sagt sie, streckt mir die Hand entgegen und begrüßt mich. Ich sage ihr, sie soll mit mir raus gehen ein Foto schießen. Sie fordert Annika auf mit zu kommen, und wir stellen uns vor der Villa Kunterbunt in Pose. Rolf macht ein Foto von den drei ungleichen Gestalten. Dann kommt auch noch die Bröseliese und beschimpft mich auf schwedisch. Wir lachen uns fast tot. Diesen Kinderpark sollte keine Familie, die hier in Schweden ist, auslassen. Wirklich toll! Ich bin ein Jahr später noch mal hierher gefahren; natürlich mit meinem Sohn, und der hatte seine helle Freude.
Es ging in den Nachmittag hinein und wir machten uns auf den Weg zurück. Uns war gar nicht bewußt, daß wir hier am Endpunkt der Reise angekommen waren. Von nun an ging es zurück Richtung Göteborg. Aber bis dahin lag noch ein sehr langer Weg vor uns. Heute fuhren wir zurück nach Mariannelund. Der ursprüngliche Plan war, in der Herberge in Mariannelund zu übernachten. Als wir in Mariannelund sind, fühle ich mich noch fit, wie der junge Frühling. Da wir beide Bedenken haben, ob wir mit der Zeit hinkommen, entschließen wir uns, heute noch weiter zurück zu fahren. Wir wissen zwar nicht wie weit wir kommen und wo wir schlafen werden, aber Rolf und ich sind inzwischen so voller Zuversicht, daß wir vor nichts Angst haben und dem Leben offen und voller Erwartung gegenüber stehen. Schweden ist die beste Therapie, die ich mir vorstellen kann. Also fahren wir weiter in den späten Nachmittag hinein.
 
Das Pfarrhaus von Ingatorp
Wir sind gerade mal 10 Km weit gekommen, da beginnt es leicht zu regnen. Zudem steht die Dämmerung bevor. Wir kommen in ein kleines Dorf mit Namen Ingatorp. Im Dorf, an der Bushaltestelle bleiben wir stehen. Zwei Jugendliche stehen im Bushäuschen und knutschen. Wir fragen sie, ob man sich hier im Dorf ein Zimmer für eine Nacht mieten kann. Beide antworten, ohne lange über die Frage nachzudenken, mit nein. Gibt es vielleicht eine Schule, oder eine Turnhalle? Wir sind nicht anspruchsvoll. Ja, eine Turnhalle gibt es. Die beiden erklären uns den Weg. Wir fahren mit inzwischen schweren Beinen den steilen Berg hoch. Heute sind wir 90 Km weit gefahren. Wir sind beide müde. In der Turnhalle spielen zwei junge Männer Tennis. Als wir fragen, ob wir hier schlafen dürfen, glauben beide, daß das bestimmt möglich sei, die Entscheidung aber der Hausmeister fällen müsse. Sie erklärten uns den Weg zu ihm. Natürlich wieder den Berg hinab. Auf dem Weg dahin kommen wir an einem außergewöhnlichen Haus vorbei. Größer als die anderen Häuser. Kein Holzbau, sondern aus Stein. Vor dem Haus stehen alte Kastanienbäume. Die Eingangstür ist überdacht und rechts und links stehen Säulen, die einen Balkon darüber tragen. Im Hof steht ein älterer Herr. Ich weiß nicht warum, aber ich biege einfach in den Hof hinein und fahre auf den Mann zu. Ich erkläre ihm in Englisch, das wir auf der Suche nach dem Hausmeister der Schule sind, und eine Unterkunft suchen. Er sieht mich mit seinen ruhigen Augen an und sagt immer wieder ein langgezogenes "Ahaaa".
Dann heißt er uns zu warten, während er sein Fahrrad holt und uns begleitet. Wir fahren zu dem Hausmeister der Schule und der Turnhalle. Der ältere Mann führt das Gespräch mit dem Hausmeister, der in unserem Alter ist. Obwohl ich kein Schwedisch kann, höre ich heraus, daß der junge Mann nicht so recht will. Während er nachdenkt und kurz noch einmal ins Haus geht, erzähle ich dem Älteren, daß wir aus Deutschland kommen und unseren Fahrradurlaub hier verbringen. Der Ältere sieht mich an und fragt: "Und warum reden Sie nicht deutsch mit mir?!" Er ist der Pfarrer des Dorfes. Seine Frau ist Deutsche. Als junger Student war er in Deutschland, hat dort seine Frau kennen gelernt und mit nach Schweden gebracht. "Jetzt gehen wir zu uns, rufen meine Frau an, dann machen wir ein Fest und Sie schlafen bei uns." Ich frage ihn, woher er weiß, daß es seiner Frau überhaupt recht ist, wenn er Fremde aufnimmt. Er erwidert, daß er seine Frau nur zu gut kennt.

Wir fahren zurück zum wunderschönen Pfarrhaus und er ruft seine Frau an, die mit einer Freundin unterwegs war um Heidelbeeren zu pflücken. Kurz darauf kommt sie. Eine Frau, Anfang 50, etwas korpulent, aber voller Energie und Lebensfreude. Bevor es richtig dunkel wird fahren die beiden mit Rolf und mir in ihrem alten Fiesta auf einen Berg. Wir haben einen atemberaubenden Blick über sehr weite Teile von Smalland. In den Senken liegen schon Nebelfelder über den Seen. Die Wälder scheinen unendlich weit. Unten im Dorf liegt klein und verträumt die Pfarrkirche von Ingatorp. Dorothee und Ture, so heißen die beiden, erzählen uns, daß die Kirche um die Jahrhundertwende komplett abgebrannt war. Die Gemeinde hat die Kirche mit Engagement und Liebe wieder aufgebaut. Die auf die Grundmauern aufgesetzte Holzkonstruktion sei einzigartig. Später, nach dem Abendessen, fahren wir hin und besichtigen sie. In der Tat eine wunderschöne Kirche. Die Krönung ist allerdings die Turmbesteigung. Dorothee und Ture besteigen mit uns beiden den Kirchturm. Zuerst geht es eine Holztreppe hinauf. In der zweiten Etage ist das Kirchenarchiv. Viele alte Bücher liegen hier. Hier würde ich gerne mal einen Tag lang mit einem deutschsprachigen Schweden verbringen und in der Geschichte des Dorfes stöbern. Aber wir klettern weiter. Nach der dritten Etage gibt es keine Stufen mehr, sondern nur noch Leitern. Auf dieser Plattform ist die Kirchenuhr befestigt. Ein Wunderwerk der Technik! Unendlich viele große und kleine Zahnräder greifen ineinander. Es gibt Verbindungsstangen nach draußen zu den großen Zifferblättern und nach oben zur Glocke, die alle viertel Stunde anschlägt. Während wir hochsteigen, schlägt sie einmal ohrenbetäubend. Wir steigen ganz nach oben in den Turm. Ich möchte mich nicht festlegen, wie hoch wir waren, aber ich als alter Fallschirmjäger kann mit Höhen recht gut umgehen, und als ich aus dem kleinen Fenster hinaus sah, war ich von der Höhe und natürlich auch von der Aussicht beeindruckt. Ich fragte Dorothee und Ture, was denn die kleinen hölzernen Seilwinden zu bedeuten hätten. An diesen Holzseilwinden befestigen sich die Maler, wenn der Kirchturm gestrichen wird. Ich ziehe den Hut vor diesen, mir nicht bekannten, mutigen Männern. Ich würde mich das nicht trauen! Nachdem wir die Kirche, den Turm und die Aussicht genossen hatten, machten wir uns wieder auf den Weg zum Pfarrhaus. Wir saßen sehr lange beisammen und hatten tolle Gespräche. Rolf spielte Klavier. Es war ein unbeschreiblicher Abend. Ich erinnere mich noch sehr gut, an ein Thema des Gespräches. Über Gott und die Welt redend, kamen wir auch zu Themen der Weltpolitik und den Ungerechtigkeiten dieser Erde. Damals war ich politisch aktiv und sehr interessiert. Natürlich auch jugendlich emotional. Ich ereiferte mich im Gespräch und Dorothee sah mich mit warmen, klugen Augen an. Dann sagte sie mir, daß auch sie in jungen Jahren gerne die Welt verbessert hätte. Erst viel später sei ihr bewußt geworden, daß man die Welt nur verbessern kann, wenn man sie im Kleinen gut hält. Sie kümmere sich darum, daß es ihrer Familie gut gehe und daß die Freunde der Familie und die Nachbarn anständig miteinander umgingen. Wenn einjeder so handle, gäbe es keine Kriege und keine Not. Als wir uns spätabends zur Ruhe begaben (Rolf und ich schliefen auf bequemen Couchen im Wohnzimmer), ging ich noch mal nach draußen. Ich saß in der frischen Nachtluft auf der Treppe vor dem Pfarrhaus und lauschte dem Rauschen des Windes in den Blättern der alten Kastanienbäume. Der Himmel war sternenklar. Rolf hatte sich schon hingelegt. Ich saß da, genoß diesen wunderbaren Moment und die Worte unserer Gespräche klangen in meinen Ohren nach. Mir war in diesem Moment klar geworden, daß ich heute abend von Dorothee etwas wunderbares gelernt hatte. Bestimmt muß es Menschen geben, die perspektivisch an den Schrauben der Weltpolitik drehen. Aber die Masse der Weltbevölkerung sollte sich um ihre Familien, Nachbarn und Freunde kümmern; dann würden wir alle friedvoller miteinander umgehen. Schon damals wurde mir draußen auf den Treppen des Pfarrhauses in der angenehm sternenklaren Sommernacht in Smalland klar, daß ich einen ganz besonderen Tag erlebt hatte. Von diesen Tagen gibt es nicht sehr viele im Leben. Es sind Fingerzeige Gottes; so etwas wie eine Erleuchtung.
 
Der Pfarrer der Freikirche und sein Gästehaus
Der Abschied aus Ingatorp fiel uns schwer. Noch gestern mittag wußten wir nichts von diesem Dorf und dem Priesterehepaar und heute, wenige Stunden später, verließen wir uns liebgewordene Menschen. Dorothee und Ture hatten uns ein feines Frühstück beschert, so konnten wir kraftvoll in die Pedale treten, und weiter Richtung Göteborg radeln. Wir fuhren die gleiche Straße zurück, die wir auf dem Hinweg von Jönköping aus nach Mariannelund im Bus gefahren waren. Auf der Hinfahrt dachten wir, es wäre ewig weit. Jetzt machten wir die Kilometer per pedes mit Leichtigkeit. Inzwischen waren wir so gut austrainiert; das Fahren fiel uns nicht mehr auf. Unsere Beine waren stark und durch die nicht enden wollenden schönen Erlebnisse waren unsere Herzen und Seelen unbesiegbar. Nach ein paar Stunden Fahrt wurde der Abstand zwischen Rolf und mir größer. Die ganze Zeit fuhren wir, ohne zu reden. Als Rolf jetzt abhing, merkte ich es, ohne sein Rufen. Rolfs Hinterrad verlor Luft. Wir hielten an einem wunderschönen See an. Auf der gegenüberliegenden Seite lag ein einziges, schwedisch rotes Holzhaus. Der See war ziemlich groß und an den Rändern mit Schilf bewachsen. Wir setzten uns auf einen Bootssteg und während Rolf seinen Reifen reparierte, genoß ich den Blick über den See. Was für ein schöner Ort! Wer wohl in dem Haus auf der anderen Seite wohnt? Ein solcher Ort würde daheim touristisch vermarktet bis in die letzte Ecke. In Schweden dürfen solche kleinen Paradiese das bleiben, was sie sind: Naturwunder.
Als das Rad repariert ist, bleiben wir noch eine Weile sitzen und genießen den Moment. Wir benötigen keine Worte. Rolf und ich sitzen da und atmen diese Schönheit ein. Später kommen wir in einen kleinen Ort, namens Nässjö. Eine typisch schwedische Kleinstadt. Traumhaft schöne kleine, bunte Holzhäuser. Unterschiedliche kleine Geschäfte. Meist hängen draußen schmiedeeiserne Symbole, die kundtun, um welchen Betrieb es sich handelt. Eine Brezel für den Bäcker, eine Schere für die Änderungsschneiderei, der Rinderkopf für den Metzger und und und. Wir verweilen hier eine Zeit lang und sind unentschlossen, ob wir heute hier bleiben, oder weiter fahren sollen. Von Ingatorp hierher war es leicht zu fahren. Das Wetter war sonnig und den Wind hatten wir im Rücken. Wir schauen uns die Karte an und entschließen uns, einen Schwenk über Malmbäck zu machen. So können wir die dicht befahrene Straße nach Jönköping verlassen und auf einer Nebenstraße weiterfahren. Allerdings fragen wir in Nässjö, ob es sich lohnt dort hin zu fahren, und man rät uns ab. Malmbäck sei ein ziemlich neuer Ort, in dem viele wohlhabende Leute lebten. Die bisher erfahrene Gastfreundschaft sei dort wohl nicht zu erwarten. Es ist erneut unsere innere Stimme, die uns sagt, wir sollen dennoch hinfahren. Und so fahren wir. Unterwegs kommen wir an einem Fahrradgeschäft vorbei. Da ich einige Schrauben an der Pedalhalterung und dem Gepäckträger verloren habe, halten wir an und lassen die Mängel beheben. Als ich zahlen will, winkt der junge Mann ab und sagt, es sei schon gut. Aus Verlegenheit kaufe ich einen Schlauch, den ich bis heute noch habe, aber noch nie brauchte. Dann kommen wir am späten Nachmittag in Malmbäck an. Vorgewarnt sehen wir eine völlig untypische Kleinstadt. Es ist eigentlich ein reines Neubaugebiet. Überwiegend neue, aus Stein gemauerte Häuser. Es sieht eher aus wie in Deutschland, denn  Schweden. Rolf und ich haben das Gefühl, daß uns hier unser Glück wirklich verlassen wird. Da das Wetter aber nicht schlecht ist, kalkulieren wir ein, heute eventuell auch mal im Freien zu übernachten. Während wir vor einem scheinbar öffentlichen Gebäude stehen und über unser Schicksal reden, kommt ein Mann mittleren alters heraus. Er trägt ein paar Bücher unter seinem Arm und geht zu seinem Fahrrad. Als er kurz den Blickkontakt mit uns aufnimmt, frage ich ihn, ob er deutsch spricht. Hätte ja sein können, daß wir wieder auf einen ähnlichen Fall stoßen wie gestern. Nein, er spricht nur schwedisch und englisch. Ich frage ihn, ob er wüßte, wo wir hier übernachten könnten. Er sieht uns an und sagt, wir sollen mal auf ihn warten. Dann fährt er mit seinem Rad weg und kommt eine viertel Stunde später ohne seine Bücher wieder zurück. Wir sollen ihm folgen. Während wir fahren, fragt er uns aus. Woher wir kommen, welche Route wir hatten, nach unseren Berufen, unseren Familien. Dann halten wir an einem schönen kleinen Gebäude. Er schließt auf und übergibt uns eine wunderschöne Wohnung. Es ist die Wohnung der ortsansässigen freikirchlichen Gemeinde und er ist der Pfarrer. Ich erzähle ihm von unserem gestrigen Tag. Er lächelt und meint, der liebe Gott sei scheinbar unser Begleiter. Ja, auch Rolf und ich haben diesen Gedanken in uns. Unweit der Wohnung ist ein kleiner Supermarkt. Wir kaufen uns Lebensmittel für den Abend und gönnen uns zu unserem Glück eine Dose sündhaft teures schwedisches Bier. Als wir an der Kasse stehen, bedient uns wieder eines dieser schwedischen Vorzeigemädchen. Sehr hübsch, sehr blond und sehr schwedisch (obwohl wir festgestellt haben, bei weitem sind nicht alle Schwedinnen blond, und wenn sie blond sind, noch lange nicht schön sein müssen). Und diese kleine blonde Schwedin ist eine echte Schönheit. Sie spricht mich sofort in fließendem Deutsch an. Sie wünscht uns viel Spaß und eine gute Reise. Später in der Gemeindewohnung machen wir uns ein leckeres Abendessen, waschen unsere Wäsche und genießen danach den Abend in diesen gemütlichen Räumen. Rolf und ich besprechen den bisherigen Reiseverlauf und sind heilfroh, in Kiel den Angstgedanken verworfen zu haben, und wirklich den Weg nach Schweden angetreten sind. Diese Menschen sind in ihrer Gastfreundschaft einmalig.
Wir sitzen lange beisammen und können unser Glück noch gar nicht fassen. Einhellig glauben wir, die Freundlichkeit und die Herzlichkeit, die wir in den letzten Tagen erlebt haben, ist nicht mehr zu steigern. Wir sollten uns irren.......
 
Der Knaller von Gällstad
Am nächsten Morgen kommt der Pfarrer und schaut nach, ob alles in Ordnung war. Wir sind bereits seit geraumer Zeit wach und haben die Wohnung wieder auf Vordermann gebracht. Unser Dank ist  herzlich. Er schenkt uns eine Postkarte seiner Gemeinde, damit wir später noch wissen, wo wir waren. Wir fragen ihn, ob es hier ein Café, oder ein Rasthaus gibt, wo wir frühstücken können. Da es noch recht früh am Tag ist, sind alle Geschäfte noch zu. Nein, er kann uns nicht helfen. Als wir losfahren kommt er zu uns und sagt, ihm sei doch etwas eingefallen. Er beschreibt uns den Weg zu einem großen Seniorenheim im Wald. Dort gibt es eine Cafeteria. Wir danken und steuern das Altenheim an. Der Weg kommt uns weit vor. Irgendwann sind wir da. Ein stattliches Gebäude. Wir stellen unsere Räder ab. Schon lange haben wir uns abgewöhnt, mißtrauisch zu sein. Drinnen fragen wir, ob wir frühstücken dürfen. Natürlich! Zu einem Spottpreis bekommen wir das wunderbarste Frühstück, das man sich nur vorstellen kann. Kaffee, Tee, Säfte, Müsli, Käse, Wurst, Marmelade, Schwarzbrot, Brötchen.... Wir frühstücken ausgiebig. Die alten Leute um uns herum schenken uns ihr Lächeln, nicken uns zu. Sie sprechen kein Englisch und kein Deutsch. Aber non verbal zeigen Sie uns ihre freundliche Herzlichkeit. Wahrscheinlich sind auch wir ihnen eine willkommene Abwechselung, die ihnen genug Gesprächsstoff im tristen Alltag gibt. Als wir uns auf den Weg in Richtung Göteborg machen, ist das schöne Wetter von gestern vorbei. Es regnet leicht und wir müssen unsere Regenklamotten anziehen. Unsere Strecke ist sehr abgelegen. Wir fahren heute fast 90 km. Die meiste Zeit fahren wir durch dichte Wälder. Hin und wieder ein einsamer Bauernhof. Teilweise ist die Straße nicht mehr geteert; eine nasse Schotterpiste. Ob wir richtig sind? Wir wissen es nicht, aber es beunruhigt uns auch nicht. Wir fahren und fahren. Irgendwann wird schon etwas passieren, da sind wir zuversichtlich. Unsere Zuversicht wird auf die Probe gestellt. Denn bis zum Abend passiert nichts. Der Regen hat trotz Regenbekleidung unsere Sachen durchdrungen. Auch die Gepäckstücke sind naß. Heute haben wir unsere letzten Warmkostteile verspeist. Erst am Abend kommen wir in einen kleinen Ort. Gällstad. Hier scheint Kirmes, oder so etwas in der Richtung zu sein. Kleine, nostalgische Karusselle stehen dort. Buden mit Krimskrams. Es sind nicht sehr viele Menschen unterwegs. Es regnet noch immer. Wir stehen am Straßenrand und schauen uns die Szene an. Irgendwie erinnert mich das Bild an einen Pippi Langstrumpf Film. Dann kommt ein älterer Clochard zu uns. "Hey hey!" Er trägt einen total veralteten Frack, einen Schlapphut und quer über die Brust trägt er ein Hanfseil, das sein Bündel an der Hüfte hält. Wir erwidern den schwedischen Gruß:"Hey, hey". Er spricht weitaus schlechter englisch als ich. Aber auf meine Frage, ob wir hier irgendwo schlafen können, sagt er sofort "Nein, unmöglich". Wir sollen weiter nach Ulricehamn fahren, dort sei eine Jugendherberge.


Die kennen wir schon, doch haben wir heute fast 90 Regenkilometer hinter uns und noch 25 Km bis Ulricehamn schaffen wir nicht. Da beschreibt er uns den Weg zu einer Mühle im Wald. Wir sollen dort hin fahren. Seine Frau sei dort und er käme später nach. Er und eine Frau? Er sah mir eher wie ein wohnsitzloser Wanderer aus. Doch was hatten wir zu verlieren? Wir waren naß, uns war kalt, wir waren hungrig und Alternativen gab es hier auch keine. Also fuhren wir den beschriebenen schmalen Weg in den Wald. Interessanterweise gab es hier Mischwald, im Gegensatz zum sonst vorherrschenden Nadelwald. Nach zwei Kilometern kommen wir zu einer uralten Mühle. Das Gebäude hat die Größe eines Zweifamilienhauses in Deutschland, ist uralt, und aus Bruchsteinen gemauert. Wir stellen unsere Räder ab und sehen uns das Gebäude von außen an. Interessant. Das Mühlrad ist außen angebracht. Hinter dem Haus kommt das Wasser eines kleinen Bachs über grobe Felsen herunter und treibt das Rad an. Die Eingangstür ist vorne. Die Mühle scheint ebenso in das Volksfest eingebunden zu sein. Am Eingang steht ein Tisch und man muß Eintritt zahlen. Wenn wir schon einmal hier sind, können wir auch eine Besichtigung machen. Als wir zur Tür gehen und gerade den Eintritt zahlen wollen, fährt ein Opel Kombi vor. Der Clochard aus dem Ort steigt aus und sagt der Dame an der Kasse, daß wir seine Gäste sind. Die Dame schließt die Kasse. Der Mann stellt sich vor und sagt, daß er Norbert heißt. „Rolf. Michael.“ Die Höflichkeiten sind schnell ausgetauscht. Wir gehen die schmale Treppe hoch. Oben wartet eine ältere Dame in einer historischen Tracht auf uns. Norbert stellt uns seine Frau vor. Sie fragt, ob wir Lust auf einen Becher Kaffee und Waffeln mit heißen Kirchen haben. Oh ja, und wie wir die haben. Wir sitzen in der historischen Küche der alten Mühle. Alles ist total in Schuß. Norbert sagt uns, daß heute Heimatfest ist. Der Traditionsverein pflegt und betreibt dieses Mühlenmuseum. Der Eintritt soll helfen, die entstehenden Kosten zu minimieren. Wir besichtigen alle Räume und Norbert und seine Frau wissen viel zu erzählen. Dann fordert er uns auf, zu einem nahegelegenen Haus zu gehen. Dort wohne ein Ungar, der mit einer deutschen Frau verheiratet sei. Er soll uns beherbergen, bis er und seine Frau hier fertig aufgeräumt haben. Die Fahrräder sollen wir stehen lassen. Wir schauen zweifelnd. Wie können wir zu einem Fremden gehen und ihn auffordern, uns zu beherbergen? "Sagt, Norbert hat Euch geschickt. Das geht schon in Ordnung." Wir haben inzwischen so viel erlebt, daß wir nicht weiter nachdenken, und tun wie uns geheißen wurde. Ca. 150 m von der Mühle entfernt steht ein sehr schönes Holzhaus. Mitten im Wald. Wir klingeln. Ein stattlicher Mann um die 50 öffnet uns. Ohne Umschweife sage ich zu ihm in meiner Muttersprache, Norbert habe uns hierher geschickt. Ob es möglich sei, uns bis zum Ende der Arbeit in der Mühle ein trocknes Plätzchen zu gewähren. Er bittet uns in sein gemütliches Wohnzimmer, stellt uns seine Frau vor, die zwar gebürtige Deutsche ist, aber schon 30 Jahre hier lebt. Wir bekommen ein Bier angeboten und wissen dieses Getränk zu schätzen; die Preise haben wir gestern gesehen. Wir erzählen von unserer Reise und besonders Rolf tut das Gespräch; endlich kann er sich hier auch in deutsch unterhalten. Nach unserer Reise wird er sofort einen Englischkurs belegen. Der Ungar und seine deutsche Frau hören uns gespannt zu. Dann sagt er uns, unser Glück setze sich heute fort. Norbert ist im Traditionsverein. Seine Maskerade heute stellt einen Knaller dar. Knaller waren früher einfache Handelsvertreter, die von Haus zu Haus zogen und die Textilien feil boten, die hier in dieser Region hergestellt wurden. Norbert besitzt die größte Textilfabrik im Umkreis. Er ist ein wohlhabender Mann, der mit den Füßen auf dem Boden geblieben ist. Sehr heimatverbunden und überaus engagiert. "Ihr habt den Mann getroffen, der das größte Herz weit und breit hat!", sagen uns die beiden. Wir sitzen recht lange beisammen und erzählen uns viel. Er ist aus Ungarn. Seine Frau stammt aus Dresden. Vor über 30 Jahren sind beide nach Schweden ausgewandert. Sie wollen hier nicht wieder weg. Wir können sie gut verstehen. Dann klingelt es und Norbert holt uns ab. Er beschreibt uns den Weg zu seinem Haus. Wir fahren vor, und er fährt im zweiten Gang langsam hinter uns her. Es sind noch ein paar Kilometer bergauf. Sie haben ein tolles Haus gleich neben ihrer Fabrik. Seine Frau bereitet uns ein deftiges Abendessen. Wir sitzen beisammen, reden, essen, trinken. Norbert tischt schwarz gebrannten Schnaps und Bier auf. Dann besichtigen wir seine Fabrik. Er hat das Patent auf die Anti-Rutsch-Socken (ABS). Daneben stellt er T-Shirts und allerlei andere Textilien her. Wir fragen, ob wir ein paar Souvenirs für unsere Lieben daheim kaufen dürfen. Natürlich dürfen wir. Wir nehmen original ABS Socken, und T-Shirts mit. Dann bitte ich darum, schnell meinen Sohn anrufen zu dürfen. Da ich die Gastfreundschaft der Schweden nicht überstrapazieren will, haben wir vorher vereinbart, für die Souvenirs und die Telefonate zu bezahlen. Als alles erledigt ist, wollen wir die Rechnung gegleichen. Norbert verlangt von jedem von uns umgerechnet fünf Euro. Ich weiß, schon die Telefonate waren teuerer und sage ihm, wir wissen seine Gastfreundschaft sehr zu schätzen, aber würden doch gerne die Kosten für Telefon und Souvenirs begleichen. Norbert grinst uns mit seinen verschmitzten Augen an: "Zahlt das, was ich gefordert habe, oder ich nehme gar nix!" Wir gehorchen und zahlen den symbolischen Preis. Wir trinken noch ein Bier miteinander. Norbert erzählt, von seinen Kindern, die im Ausland studieren. Ob sie das Unternehmen weiterführen werden, ist noch unklar. Man wird sehen. Dann zeigt er uns das Haus. Besonders stolz ist er auf ein Foto, wo er zusammen mit König Karl Gustav von Schweden zu sehen ist. Zum Schluß zeigt er uns das Gästezimmer. Ein schönes Zimmer, mit zwei Betten und vielen Antiquitäten. Wir breiten unsere nassen Sachen überall aus, damit sie wenigstens bis morgen antrocknen. Sogar unsere Schlafsäcke sind naß. Wir bekommen Decken und Kissen für die Nacht. Als wir versorgt sind, sagt Norbert, er gehe jetzt mit seiner Frau zum Tanzen. Ich schaue ihn ungläubig an. Er läßt zwei Fremde Männer in seinem Haus, in dem von oben bis unten alles vollgestopft ist mit kleinen Schätzen? "Ich habe Dir in die Augen gesehen. Du beklaust mich nicht." Sagte er und verschwand mit seiner Frau zum Tanze. Rolf und ich duschten und machten uns für die Nacht fertig. Wir konnten unser Glück nicht fassen und schliefen einen festen, tiefen Schlaf. Norbert weckte uns am Morgen. Er hatte uns ein tolles Frühstück mit gebackenen Eiern, gebratenem Speck, Wurst, Käse und allem was das Herz begehrt zubereitet. Nach dem Frühstück nehmen wir uns die Karte vor, und Norbert zeigt uns den besten Weg nach Borås, unserem heutigen Etappenziel. Er begleitet uns noch bis nach Gällstad und zeigt uns die richtige Abzweigung. Schon wieder ein herzlicher Abschied von einem besonderen Menschen; einem Knaller aus Gällstad.
 
Regennasses Borås
Wir fahren aus Gällstad raus. Im Moment regnet es nicht, aber die Straßen sind noch naß von gestern. Der Himmel verspricht nicht unbedingt den klassischen Sommertag. In zwei Tagen müssen wir spätestens in Göteborg auf der Fähre sein. Wir fahren zügig über die flachen Landstraßen in Richtung Borås. Wir müssen uns nicht beeilen, denn wenn es dick käme, könnten wir die restlichen 90 Km bis Göteborg auch in einem Tag abreißen.
Nach wenigen Kilometern ist die Straße markiert und teilweise abgesperrt. Hier finden Radrennen statt. Norbert hatte gestern abend etwas in der Richtung erzählt, aber wir hatten nicht alles verstanden. Wie der Teufel es will, ist irgendwann ein Gruppe Radrennfahrer vor uns. Rolf packt der Übermut. Er setzt ihnen mit dem bepackten Trekkingrad nach und holt sie ein. Ich lüge jetzt nicht: Rolf arbeitete sich heran und setzte sich vor die Gruppe der Rennradfahrer! Leute am Rand jubelten ihm zu. Natürlich konnte er das Tempo nicht lange halten; zudem hatte ich nicht einmal den Versuch gemacht, es ihm gleich zu tun. Rolf ließ sich wieder zurückfallen und nach zwei Kilometern fuhren wir wieder unser Tempo. Aber Rolf hatte Flügel bekommen. Er mußte sich messen und die letzten Tage hatten ihm eine innere Stärke gegeben, die ihn unbesiegbar machte. Dann fing es wieder zu regnen an. Bis Borås hörte es nicht mehr auf. Ortseingang von Borås ging ein Schauer runter, wie wir ihn selten erlebt haben. Wir stellten uns an einer Bushaltestelle unter. Das Wasser floß in Strömen über unsere Füße. Wir stellten uns auf die Bank, aber unsere Füße waren ohnehin naß. Als der Schauer vorüber war, fuhren wir in die Stadt. Borås gehört schon zu den größeren Städten Schwedens. Wir suchten uns ein Bistro und versuchten uns in der Toilette trockene Sachen anzuziehen. Es blieb beim Versuch, denn auch in unseren Taschen war alles klamm und feucht. Ich sah Rolf an und schlug ihm vor, zum Busbahnhof zu fahren und den nächsten Bus nach Göteborg zu nehmen, um heute abend mit der Fähre wieder gen Kiel zu fahren. Rolf sah mich an und grinste. Ja, er hatte diesen Gedanken schon seit heute morgen, traute sich aber nicht, den Vorschlag zu machen. Also fuhren wir zum Busbahnhof und buchten den nächsten Bus nach Göteborg. Kennen Sie das Gefühl, vor Freude so voll zu sein, daß Sie drohen, überzulaufen? Rolf und ich waren in diesem Stadium. Ich glaube, ein toter Vogel hätte uns zum Weinen gebracht. Wir saßen im Bus und fuhren Richtung Göteborg. Es war noch recht früh am Tag. Die Fähre würde um 19.00 Uhr ablegen. Wir hatten Zeit en masse. Dicke Regentropfen klopften an die Außenscheiben des Busses. Mit uns waren nur drei weitere Leute im Bus. Die wunderbarste Reise unseres Lebens ging zu Ende. Unsere Seelentanks waren mehr als Randvoll; ich glaube die Tanks waren so überdehnt, sie drohten zu platzen.

In Göteborg angekommen, war es nicht mehr weit vom Busbahnhof zum Kai der STENA Line. Hier hatte unsere Reise eigentlich begonnen, als wir nicht wußten, wie wir aus Göteborg heraus kommen sollten. Wir fuhren jetzt gemächlich dem Kai entgegen. Es war etwa 15.00 Uhr. Als wir näher kamen traute ich meinen Augen nicht. Die Fähre stand da und war dabei, die Schotten dicht zu machen. Jetzt war ich es, dem die Flügel wuchsen. Ich gab alles. Rolf, der heute morgen noch die Radrennfahrer überholte, hatte keine Chance gegen mich. Ich fuhr mit einem Affentempo auf die Abfertigungshalle zu. Eine junge Frau der STENA Line stellte sich mir entgegen. Ich sagte ihr, sie müsse das Schiff stoppen, da wir noch mit müssen. Sie sprach etwas in ihr Funkgerät und fragte mich, wo ich denn hin wolle?. Na, nach Kiel. Sie sprach erneut in ihr Funkgerät. Die Klappe des Schiffes schloß sich unbeirrt weiter. Ich hätte heulen können.
“Bestimmt wollen Sie nicht auf dieses Schiff, denn es fährt nach England.“ Unsere Fähre stünde am nächsten Kai und in einer Stunde könnten wir frühestens borden. Inzwischen stand auch Rolf da und wir begannen schallend zu lachen. Alle Anspannung fiel von uns ab. Die junge Schwedin lachte mit uns, aber ich glaube nicht, das sie sich vorstellen konnte, was in uns vorging. Wir waren bei den ersten, die aufs Schiff fuhren. Und dieses mal waren wir schlauer, als auf der Hinfahrt. Wir suchten uns einen ruhigen Flur und machten es uns unter einem Treppenaufgang gemütlich, breiteten unsere Luftmatratzen aus und legten die klammen Schlafsäcke obendrauf. Als das Schiff um 19.00 h ablegte, standen wir an der Reling, und mit warmen Gefühlen wurde Göteborg immer kleiner.
 
Ansteckende Seeligkeit
Im Morgengrauen liefen wir in Kiel ein. Neben uns fuhr ein U-Boot der Bundesmarine. Wie treffend, hatte uns doch die Marine zum Beginn der Reise in Kiel aufgenommen. Jetzt ging alles schnell. Wir booteten aus, fuhren zum nahegelegenen Bahnhof, gaben die Fahrräder als Gepäckstücke auf und buchten den nächsten Zug ins Saarland. Ich rief noch schnell die Mutter meines Sohnes an und sagte ihr, wann wir im Saarland ankamen. Sie erklärte sich bereit, uns in Saarbrücken abzuholen, weil mein Sohn endlich seinen Papa wieder haben wollte. Im Intercity ging es nach Frankfurt am Main. Als der Zug losfuhr, gingen Rolf und ich ins Bistro und bestellten uns ein Pils. Die Biere, die wir in Schweden getrunken hatten, waren Leichtbiere und hatten nicht wirklich gut geschmeckt. Jeder mit einem Pilsglas bewaffnet, setzten wir uns zu einem Mann an den Tisch. Er war ein paar Jahre älter als wir. Wir prosteten ihm zu und tranken. Er erhob sein Glas und trank mit uns. Ich sagte zu ihm: "Das nächste holst Du." Bisher hatte er noch kein Wort gesagt. Nach ein paar Minuten stand er auf und holte drei Pils. Wir grinsten uns alle drei an und tranken unser Bier. Dann fingen wir an zu erzählen. Er konnte kaum glauben, was er hörte. Wir tranken noch ein paar Biere. In Hannover mußte er aussteigen. Er fragte uns, wie weit wir denn fahren würden. Bis Frankfurt. Er zog ernsthaft in Erwägung bis Göttingen weiter mit zu fahren und dann den Rückweg nach Hannover anzutreten. Da Rolf und ich aber keine weiteren Biere mehr trinken wollten, verwarf er den Gedanken und stieg in Hannover aus. Wir verabschiedeten uns wie Freunde. Rolf und ich merkten, was wir in uns trugen, strahlte nach außen. Diese Erfahrung sollten wir noch viele Male machen. In Saarbrücken kam mir mein Sohn am Bahnsteig entgegen gelaufen und sprang mir in die Arme. Ohne es zu wollen, liefen mir vor lauter Freude die Tränen.

Eine Reise ging zu Ende, die mein Leben nachhaltig und positiv verändert hat.

Im letzten Jahr (2005) waren Rolf und ich zusammen auf einem Klassentreffen. Jahre nach unserer Radtour.
Wir saßen den ganzen Abend beisammen. Noch heute sind wir beide Schwedenbrüder; noch heute tanken wir Kraft von der damaligen Reise. Ich war inzwischen mehrmals wieder in Schweden. Und jedesmal kam ich verzaubert zurück. Immer war es anders; jedoch auch immer wundervoll. Mein Tip: Fahren sie hin.


Die Stationen waren: Merzig, Kiel, Göteborg, Alingsås, Ulricehamn, Jönköping, Mariannelund, Lönneberga, Bullerbü, Vimmerby, Ingatorp,
Nässjö, Malmbäck , Gällstad, Borås, Göteborg, Kiel, Merzig.

 

 

 

Zitat des Tages

Friedrich Hebbel
Friedrich Hebbel: „Trotze, so bleibt dir der Sieg.“
von zitate-online.de
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